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Precious Genesis

2011
aluminium, silber
ca. H 110 x B 140 x T 90 cm


Fotografie:
40 x 60 cm

 

Zeit-Raum-Gedanken

Manchmal, vor allem des Nachts, wenn das eigene Weltgeschehen zur Ruhe kommt, wenn sich Traumwelten mit irdischen Visionen vermengen, das Unterbewusstsein leise mit der Seele spricht, tun sich eigenartige Welten auf. Als ob Schlupflöcher im mentalen Netz entstehen, durch die der Geist entschwindet und auf unbekannte Reisen geht.
Es kann dann passieren, dass allt√§gliche, bis jetzt nie hinterfragte Ph√§nomene wie Zeit und Raum durcheinander geraten, ihren Sinn und ihre Form verlieren. Eine v√∂llig neuartige Denkweise k√∂nnte sich er√∂ffnen und in ihr den Raum aus ihrer Dreidimensionalit√§t entf√ľhren und der Zeit ihres Daseins als Strahl berauben.
Zeit und Raum w√ľrden zu einem unendlichen Zeitraumplasma werden. Wie ein feingewobenes Netz, wie ein elastisches Gewebe, das in sich alle Weltph√§nomene und Weltwesen tr√§gt, nein, sogar alle Weltph√§nomene und Weltwesen ist. An manchen Stellen w√§re es voller Falten, Knicke, dann aber auch wieder eher wie sanfte Wellen, fast glatt. Wie Stoff eben f√§llt und sich pr√§sentiert in seiner unschuldigen Urspr√ľnglichkeit. An manchen Stellen w√§re das Zeitraumgewebe au√üerdem dicker, fester, starrer, an anderen weitl√§ufigen Stellen fast transparent, luftig leicht, in seiner sanften Seidigkeit kaum wahrnehmbar und doch unendlich belastbar, immer da.
So w√ľrden sich Zeit und Raum anf√ľhlen.
So w√ľrde das Zeitraumgewebe auf seine Weise Dichte und Leere, Materie und Antimaterie darstellen und doch gleichzeitig genau dieser Dichotomie widersprechen. Denn in seiner Pr√§senz ist alles verbunden, Dichte steht nicht der Leere gegen√ľber, genauso wenig wie Materie der Antimaterie gegen√ľber steht. Sie geh√∂ren zusammen, wechseln sich ab im Rhythmus des Zeitgeschehens, des Raumgeschehens.
Der Geist, der hier auf diese fremde Reise gehen w√ľrde und auf ihr stets Erkl√§rungen zur Sicherheit sucht, w√ľrde sich dieses Zeitraumplasma vielleicht als gro√üen Ozean vorstellen. Ein Ozean, der ewig der Selbe ist, doch nie der Gleiche, aber immer Eins. Ein Ozean, der zuweilen aufger√ľhrt, aufbrausend und gleichzeitig ganz ruhig, spiegelglatt woanders ist. Man kann durch den Ozean tauchen, von der bewegten See bis hin zu der v√∂llig stillen, es wird immer der selbe Ozean sein. Und man Selbst ist Teil davon. Denn das Element des Wassers dringt in den K√∂rper durch seine Poren und verbindet ihn mit sich bis in die Unendlichkeit. Das Wasser des Ozeans ist zugleich das Wasser des K√∂rpers. Und so setzt sich auch jede Bewegung des K√∂rpers im K√∂rper des Wassers fort. Denn was verbunden ist, beeinflusst sich, bewegt sich gemeinsam. St√∂√üe in das Wasser sind noch weit zu sp√ľren.
Wenn der Geist dann zur√ľck zu dieser Vorstellung eines Zeitraumgewebes kommt, w√ľrde er verstehen, dass sein Selbst eine dieser dickeren, h√§rteren Stellen ist, die da in dem Gewebe existiert. Eine dieser eher schweren Gewebsknoten, die die feinen, transparenten weiten Fl√§chen des Gewebes stark pr√§gen, dem Gewebe an sich sein charakteristisches Muster geben. Diese feinen, transparenten weiten Fl√§chen des Gewebes w√§ren wohl eher die Luft und der Himmel, aber auch all die Energien des Weltgeschehens, kaum greifbar in ihrer Leichtigkeit und doch verl√§sslich in ihrer Existenz, die uns Licht schenken und Strom, magnetisch sind oder elektrisch, wellenf√∂rmig oder strahlenf√∂rmig. Energien schlie√ülich, die ganz menschlich sind, emotional, geistig, seelisch oder eher willensstark, voller Tatenkraft, aktiv, im Guten wie im B√∂sen. All die Energien eben, die von den Gewebsknoten ausgehen, von dem lebendigen Selbst. Und wie die nat√ľrlichen Energie pflanzt sich auch die menschliche Energie auf ewig fort im Zeitraumplasma, ver√§ndert es, beeinflusst es in seinem Sein. Nichts geht in diesem Gewebe verloren.

 

Dann naht pl√∂tzlich der Morgen. Die Ratio kehrt zur√ľck, der Geist ist wieder eingebunden in seine erlernten Restriktionen, das Bewusstsein regiert wieder √ľber das Unterbewusstsein, die leise Stimme der Seele erstummt. Und die Erinnerungen an dieses eigenartige Zeitraumplasma und seine Geschichten erscheinen seltsam, verlieren sogleich ihre St√§rke, ihren Sinn.

 

Doch dann f√§llt vielleicht der Blick auf die Silberwesen von Tatjana Busch, in deren sanften strahlenden Biegungen und Falten, Ecken und Kanten, Geraden und Kurven, sich unendlich das Licht spiegelt, kaleidoskopische Reflektionen in Zeit und Raum wirft, sich zwischen scheinbarer Transparenz und geschlossener Form bewegen, ewig m√§andernde Lichtkegel, die sich wie Rauchs√§ulen und Wolkenschwaden geb√§rden, in die man eintauchen kann, in ihnen schwimmen und tanzen kann, ihr Dasein dabei ver√§ndert, beeinflusst, durch die eigene Aktion eine Reaktion der Silberwesen hervorruft, die sich ins Unendliche fortsetzt, neue Lichtsterne oder Blitze ins Leben ruft, neue Schattenspiele kreiert, die das eigene Selbst wiederum ber√ľhrt, bewegt. Eine ewige, rhythmische, gebende und nehmende Bewegung also, von Licht und Schatten, Materie und Antimaterie, Dichte und F√ľlle.

Alles ist Eins.

 

Und es könnte sein, dass die Erinnerungen der Nacht den Tag erhellen.

 

 

Kat Sch√ľtz 2011